Nachruf Ulrich Blau (1940–2026)
13.04.2026
13.04.2026
Die Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft trauert um sein langjähriges Mitglied Ulrich Blau, der am 1. April 2026 im Alter von 86 Jahren verstarb. Er lehrte an der Fakultät für viele Jahre als Professor für Logik und Wissenschaftstheorie, von 1977 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2005.
Blaus wissenschaftliches Wirken war ein bedeutender Teil der durch Wolfgang Stegmüller in München begründeten Tradition der analytischen Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie. Dort erhielt Blau seine philosophische Ausbildung und Prägung, aus der heraus er über die Jahre zu einer hochoriginellen logisch-philosophischen Sprache fand. Seine Dissertation zur epistemischen Logik (1969) und die Habilitationsschrift Die dreiwertige Logik der Sprache (1974) sind Studien zum Bereich der so genannten philosophischen Logik, in denen er ebenso wie in einer Reihe von Aufsätzen nicht nur das logische und metalogische Handwerkszeug souverän einsetzt, sondern auch in den Anwendungen zur Logik der natürlichen Sprache den Primat der Logik auf dem Grenzgebiet zur linguistischen Sprachtheorie betont.
Ausgehend von der Erweiterung der klassischen Zweiwertlogik auf das Feld mehrwertiger Logiken gelangte Blau zur bestimmenden Thematik seiner Philosophie, dem Wahrheitsbegriff und dem mit ihm eng verbundenen Phänomen der Paradoxien.
Wahrheit und Paradoxien werden in ihrer Vielgestaltigkeit umfassend in den Blick genommen, beginnend mit dem antiken Lügner-Paradox über ihre Renaissance bei Georg Cantor und Bertrand Russell, die mit den Antinomien der modernen Mengenlehre eine Novität in die Debatte einführten, bis hin zu ihrer intensiven logischen Erforschung in den Wahrheitstheorien der Gegenwart. Blau geht jedoch noch einen charakteristischen Schritt weiter: Für ihn sind die technischen Resultate dieser Forschungsrichtung lediglich das gesicherte Fundament, von dem aus es gilt auszugreifen zu den tiefsten Problemen der Philosophie, wie dem Leib-Seele-Problem und dem Rätsel des Bewusstseins.
Die Summe dieser Forschungen findet sich in Blaus fast 1000 Seiten umfassenden Opus Magnum Die Logik der Unbestimmtheiten und Paradoxien (2008), von welchem Vorformen in immer neu formulierten und erweiterten Versionen seit den 1980er Jahren in Manuskriptform kursierten. Auf der logischen Seite wird der Verzicht auf die Bivalenz von wahr und falsch durch die Behandlung zweier verschiedenartiger Wahrheitslücken erzwungen. Zunächst wird der nicht-klassische Wahrheitswert "unbestimmt" von der Dreiwertlogik übernommen und diese durch die Analyse weiterer Sprachphänomene wie Indexikalität und Intentionalität erweitert. Der zweite Wahrheitswert ist der Wert "offen", mit dem die Paradoxien – unter Einbeziehung mathematischer Mengentheorie – in neuartiger Weise erforscht werden. Das Ergebnis ist ein virtuos verschränktes System, Reflexionslogik genannt, welches auf der Basis von nunmehr vier Wahrheitswerten eine transfinite Hierarchie von Reflexionsstufen errichtet, auf denen die Bestimmungen von wahr und falsch hin und her oszillieren. Blaus These, dass alle tiefen Paradoxien letztlich Bewusstseinsparadoxien seien, führt ihn schließlich zur Öffnung der Untersuchung hin zur diskursiven Erörterung derartiger Rätsel, welche kategoriale Trennungen wie Subjekt/Objekt, Gewissheit/Wahrheit, Bewusstsein/Sein, Seele/Leib umfassen.
Zwei späte Schriften, Grundparadoxien, grenzenlose Arithmetik, Mystik (2016), sowie Raum, Zeit und Bewusstsein. Eine kurze Einführung in den uralten Rückstand der Physik (2020), führen diese philosophische Thematik weiter fort und fassen sie zusammen.
Die Fakultät und die Universität werden Ulrich Blau ein ehrendes Andenken bewahren.